Die Rufe nach “Fachpersonal” werden in Deutschland immer lauter und dringender. Woher der Mangel rührt, kann viele Ursachen haben. Pauschal zu sagen, 17 % der deutschen Arbeitnehmenden könnten in höher qualifizierten Berufen arbeiten, ist nicht ganz korrekt. Es lässt sich anhand der Zahlen nicht feststellen, ob für diese Gruppe denn höher qualifizierte Arbeitsplätze vorhanden wären. Wenn die Wirtschaft Handwerker:innen benötigt, es aber einen Überhang an Betriebswirt:innen gibt, schließt dieser Überhang die Lücke nicht. Spannender ist jedoch die Frage, wie es kommt, dass so viel mehr Menschen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, trotz hohen Ausbildungsstandes in minderqualifzierten Berufen arbeiten. Das betrifft insgesamt 68,9 % der ausländischen Erwerbstätigen in Deutschland.
Herkunft führt zu Diskriminierung
Das Zentrum für ökonomische Bildung der Universität Siegen wollte überprüfen, ob es tatsächlich zu einer Diskriminierung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen rein aufgrund der Herkunft der Bewerberbenden kommt. Zu diesem Zweck wurden 50.000 fiktive Bewerbungen an Unternehmen verschickt, die offene Ausbildungsplätze für Personen mit einem Schulabschluss der mittleren Reife der Agentur für Arbeit gemeldet hatten. Das Ergebnis war verheerend.
Auf Bewerbungen mit arabischen Nachnamen entfielen die meisten Absagen, gefolgt von Anschreiben mit russischen, hebräischen oder türkischen Nachnamen. Dieser Umstand ist vor allem deshalb signifikant, da auch überdurchschnittliche Noten und hohe Erfolgsaussichten auf einen guten oder sehr guten Realschulabschluss keinen Vorteil gegenüber angeblichen deutschen Bewerber:innen mit schlechteren Noten brachten.
Deutschlands Überqualifikationsquote für Arbeitnehmende aus Nicht-EU Ländern liegt mit knapp 33 % zwar noch unter dem EU-Durchschnitt von 40 %. Dennoch ist Deutschland weit entfernt von den 17,7 % in Ungarn. Erfreulicherweise aber auch von Griechenland, das mit 76 % die Liste anführt, gefolgt von Italien mit 60,7 % (Quelle: haufe.de).
Formale Hintergründe
Neben der offenkundig herkunftsbedingten Ablehnung von Menschen für höher qualifizierte Tätigkeiten spielen auch juristische Hintergründe eine Rolle. Die Bundesrepublik Deutschland tut sich im Vergleich zu anderen Staaten etwas schwerer damit, ausländische Bildungsabschlüsse anzuerkennen. Das führt zwangsläufig dazu, dass höher qualifizierte Menschen nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten können. Zwei Branchen stechen bei der Beschäftigung von ausländischen überqualifizierten Mitarbeitenden besonders hervor. Dies ist zum einen die Reinigungsbranche und zum anderen die Stahlbetriebe. Im Vergleich dazu finden sich deutsche überqualifizierte Personen häufig in Erziehungsberufen und im Finanzdienstleistungssektor (Quelle: Institut für Arbeitsmarkt– und Berufsforschung).
Unterschiedliche Verteilung der Einkommensdifferenzen in Europa
In fast allen Staaten gibt es eine Einkommenslücke zwischen ausländischen und einheimischen Arbeitnehmenden. Diese hat zwei Ursachen. Zum einen werden trotz ausreichender Qualifikation ausländische Arbeitnehmende in weniger attraktive und gut bezahlte Berufe abgedrängt. Zum anderen gibt es auch bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit für Einheimische einfach mehr Geld. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von nature.com, veröffentlicht auf Euronews. Untersucht wurden die Abweichungen in den USA, und sieben europäischen Staaten:
- Norwegen
- Deutschland
- Frankreich
- Niederlande
- Dänemark
- Schweden
- Spanien.
In den ersten vier Ländern betrug die Diskrepanz zwischen 15 und 20 %. In Schweden waren es nur 7 %, wohingegen Spanien mit 27 % Gehaltsunterschied deutlich an der Spitze lag. Dabei spielte in allen untersuchten Ländern die Herkunftsregion der Migrierten eine entscheidende Rolle. Menschen aus der Region südlich der Sahara (26,1 %), Nahost und Nordafrika (23,7 %) verdienten deutlich weniger als Personen aus einem anderen europäischen Land (9 %). Für die Kinder der Migrierten hat sich das Lohnniveau mit einem Minus von 5,7 % gegenüber Kindern einheimischer Eltern deutlich gebessert.