Deutschland hat seine letzten Atomkraftwerke 2023 abgeschaltet. Gleichzeitig steigt der Import von Strom, in dessen Mix weiterhin Kernenergie steckt. Ein scheinbarer Widerspruch?
Grund dafür ist weniger ein „Reinholen“ ausländischer Atomkraft, sondern das Zusammenspiel von Strompreisen und europäischen Märkten. Gekauft wird Strom dort, wo er gerade am günstigsten ist, so auch in Ländern mit hohem Atomkraftanteil wie z.B. Frankreich. Während die heimische Atomstromkurve nach 2021 steil abfällt und 2024 bei null endet, steigen die geschätzten Atomstromimporte ab 2022 deutlich an. Hintergrund ist, dass der Importmix nach den Erzeugungsanteilen der Exportländer modelliert wird – produziert Frankreich, die Schweiz oder Belgien Atomstrom, spiegelt sich das anteilig im nach Deutschland gelieferten Strom wider.
Vom Exporteur zum Importeur
Die zweite Grafik erweitert den Blick auf den gesamten Stromhandel: Seit 2023 importiert Deutschland erstmals seit 2002 mehr Strom, als es exportiert. Nach Daten der Bundesnetzagentur importierte Deutschland 2024 rund 54 TWh Strom und exportierte 42 TWh. 2024 stieg der Import auf knapp 67 TWh, während die Exporte weiter zurückgingen. Die rote Linie (Total Stromexport) fällt, die blaue (Total Stromimport) steigt, ein Muster, das die veränderte Rolle Deutschlands im europäischen Strommarkt sichtbar macht.
Grund für die gestiegenen Strompreise in Deutschland sind unter anderem die im europäischen Vergleich hohen Steuern und Abgaben. Im ersten Halbjahr 2024 fielen diese in Deutschland auf 1 kWh 11,7 Cent, während die Abgabe in beispielsweise Frankreich bei 5,9 Cent pro kWh lag (datapulse.de/strompreise/).
Erneuerbare dominieren den Import
Spannend ist, dass, während der Anteil der Kernenergie am Stromimport ansteigt, der Anteil erneuerbarer Energie noch schneller wächst. Die gestrichelte Linie für den Anteil an Erneuerbaren zieht seit 2019 deutlich an und liegt 2024 sichtbar über dem Anteil von Atomkraft. Es wird also mehr erneuerbarer Strom importiert als Atomstrom.
Was bedeutet das für die deutsche Energiedebatte?
Die Kombination aus Atomausstieg im Inland, steigenden Stromimporten und sichtbarem Atomanteil im Importmix bietet auf den ersten Blick viel Stoff für zugespitzte Schlagzeilen. In Teilen der Debatte wird der Ausstieg daher als „Etikettenschwindel“ kritisiert: kein Atomstrom mehr aus deutschen Reaktoren, aber weiterhin Kernenergie im Strom aus dem Ausland. Ein genauer Blick auf die Daten zeigt jedoch ein differenzierteres Bild.
Zum einen hat sich der inländische Strommix in den vergangenen Jahren deutlich in Richtung Wind- und Solarenergie verschoben; Kernkraft spielt in der deutschen Erzeugung keine Rolle mehr. Zum anderen bleiben die Atomstromimporte im Verhältnis zum Stromimport von erneuerbaren Energien gering. Statt eine heimliche „Rückkehr“ der Atomkraft zu markieren, spiegeln die Importe vor allem Preisunterschiede und die enge Vernetzung des europäischen Strommarkts wider.
