Ein Blick auf die Liste der reichsten Regionen Europas ruft vermutlich bei den meisten Betrachtenden ein verwundertes Kopfschütteln hervor. Der Sachverhalt klärt sich jedoch mit dem Hinweis auf das höchste Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf. Gegenstand der Untersuchung ist also nicht das Geld auf den privaten Konten der Bewohner:innen, sondern die Wirtschaftsleistung. Verblüffend bleibt zunächst, dass Irland diese Liste anführt. Vor nicht allzu langer Zeit war die grüne Insel noch das Armenhaus Westeuropas. Wer allerdings Nachrichten gehört oder Tageszeitungen gelesen hat, bekommt eine leise Ahnung, weshalb die Republik Irland mit Abstand diese Statistik anführt.
Internet und Finanzen sind die Goldesel
Die Republik Irland hat sich mit ihrer Steuerpolitik gegenüber multinationalen Konzernen bei ihren Partnerstaaten in Europa nicht nur Freunde gemacht. Da wären beispielsweise die Diskussionen mit Google und Meta in Irland oder Amazon in Luxemburg, der Nummer zwei unter den reichen Regionen.
Neben den Internetriesen haben sich inzwischen aber auch Finanzinstitute nicht nur in Luxemburg, sondern auch in Dublin niedergelassen. Luxemburg “ist ja schon immer” einer der wichtigsten Finanzplätze Europas, gerade in den Segmenten Devisenhandel, Fonds und strukturierte Anlageprodukte. Immer mehr Fondsgesellschaften verlegen ihre Haupt- oder zumindest steuerrelevanten Sitze nach Dublin. “Irish Funds” ist ein Zusammenschluss des “Who is Who” der Fondsbranche. Alleine 19.500 Menschen arbeiten in Dublin bei den unterschiedlichen Anbietern, landesweit sind es 37.500 Mitarbeitende.
Der Grund, weshalb der Süden der Republik Irland beispielsweise noch vor Hamburg oder der Ile de France rangiert, ist für ein Lächeln gut. Aus der zweitgrößten Stadt Irlands, Cork, wird Kerrygold, die berühmte irische Butter, in die ganze Welt verschifft. Keine Technik, keine undurchsichtigen Finanzkontrakte, sondern Butter ist im Süden Irlands der Schlüssel zum Wohlstand.
Jede Region mit einem Alleinstellungsmerkmal
Was in Irland und Luxemburg die Finanzindustrie ist, ist in Brüssel die Europäische Union. In solchen Bürokratiemonstern wie der EU arbeiten viele hoch dotierte staatliche Angestellte, aber auch gut bezahlte privatwirtschaftliche Mitarbeitende. Und damit steigt das Bruttosozialprodukt automatisch über das von beispielsweise Antwerpen oder Lüttich. Brüssel wäre vermutlich als Hauptstadt auf jeden Fall wohlhabendste Region Belgiens.
Nordholland, um eine eigentlich völlig unspektakuläre Region herauszupicken, scheint gnadenlos geschäftig zu sein. Bereits im Jahr 2014 gab es dort 278.700 Unternehmen. Unter den vor allem in Amsterdam ansässigen Firmen zählen unter anderem ING, Phillips und Stellantis. Alleine diese drei Firmen dürften einen entsprechenden Beitrag zum dortigen BIP einbringen.
In Hamburg ist es nach wie vor der Hafen, der die Finanzen der Stadt und der Bevölkerung nach vorne bringt. Immerhin ist er der drittgrößte Hafen Europas und zählt zu den 21 größten Häfen der Welt.
Oberbayern kann zwar nicht mit einem Hafen wie Hamburg auftrumpfen, aber das Quasi-Gegenteil von Meer, die Berge, tragen durch den Tourismus zu einem großen Teil zum BIP bei. BWM als weltbekannter Autoproduzent ist nur eines von über 388.000 bei der IHK gemeldeten Unternehmen.
Das Oktoberfest lässt die Kassen in Oberbayern ebenfalls klingeln. Im Jahr 2025 kamen 6,5 Millionen Besucher:innen und tranken 6,5 Millionen Maß Bier. Die geschätzten Zahlen für dieses Jahr geben einen Wert für die Stadt München von 1,57 Milliarden Euro wider, die wiederum 634 Millionen Euro an direkten Ausgaben auf dem Oktoberfest beinhalten.
Alleinstellungsmerkmale und / oder Konzentration von Unternehmen geben letztendlich den Ausschlag über das regionale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und zeigen, dass sie mit Blick auf Europa durchaus zu erstaunlichen Ergebnissen führen.