Deutschland zählt zu den nur noch sehr wenigen Ländern weltweit, in denen es keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen gibt. Fallweise finden sich Einschränkungen, die aber nie durchgängig sind und immer wieder aufgehoben werden. Nur ein Land in Europa, die Isle of Man, verzichtet ebenfalls auf Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Werfen wir einen Blick auf die Staaten, die ebenfalls ohne Begrenzungen auszukommen denken:
- Isle of Man
- 3 indische Bundesstaaten
- Haiti
- Somalia
- Libanon
- Nepal
- Myanmar
- Burundi
- Bhutan
- Afghanistan
- Nordkorea
- Mauretanien
Freie Fahrt für freie Bürger und Bürgerinnen – dieser Slogan gilt auch für Nordkorea. Es fällt auf, dass die betreffenden Länder alle nicht in der ersten Liga des privaten, autobasierten Personenverkehrs spielen. In einigen der genannten Staaten sind auch eher Panzer und Militärfahrzeuge unterwegs, als Familien, die einen Wochenendausflug machen, oder Außendienstler, die von einem Kundentermin zum nächsten hetzen. Wie stellt sich aktuell die Situation auf deutschen Autobahnen dar?
Kein stringentes Verhaltensmuster bei Autofahrern
Schöne Beispiele für das nur schwer nachvollziehbare Verhalten auf Autobahnen bei einigen Autofahrern lassen sich unter anderem am Biebelrieder Kreutz beim Wechsel von der A 7 aus dem Süden kommend auf die A 3 feststellen. Auf der A 7 rollt der, im Vergleich zur A 3 recht übersichtliche Verkehr moderat, auch Limousinen und SUVs “cruisen” eher, als dass sie hetzen.
Mit dem Wechsel auf die A 3 geschieht bei manchen Fahrzeuglenker*innen jedoch merkwürdiges. Die E-Klasse oder der A 6, die eben noch gemütlich hinter dem Fiat Panda her fuhren, wandeln sich in eine Art Kampfstern Galactica. Mal mit, mal ohne Blinker geht es im 45-Grad Winkel von der Beschleunigungsspur mindestens direkt auf die mittlere Fahrspur, die Tachonadel fliegt geradezu über die 150 km/h-Marke hinaus. Logisch nachvollziehbar ist dieses Verhalten nicht, aber täglich zu beobachten. Eigentlich müsste es aufgrund der Verkehrsdichte gerade umgekehrt sein.
Zumindest die A 7 belegt, dass eine Autobahn nicht zwanghaft zu hoher Geschwindigkeit verleiten muss.
Geschwindigkeitsbegrenzung wäre auch Kostenbegrenzung
Eine Geschwindigkeitsbegrenzung wäre auch eine, staatlich erzwungene, Kostenbegrenzung für die Autofahrer und Autofahrerinnen. Der ideale Betriebspunkt eines Autos liegt bei 80 km/h. Das Tullner Automeile Magazin hat hinsichtlich des geschwindigkeitsabhängigen Benzinverbrauchs folgende Aufstellung ausgearbeitet:
| Geschwindigkeit in km/h | Verbrauch Liter / 100 km |
|---|---|
| 80 | 4,5 |
| 100 | 5,5 |
| 130 | 7 |
| 150 | 8 |
Das in Deutschland immer wieder diskutierte Tempolimit geht von 130 km/h aus. Zumindest ließe sich damit ein Liter Kraftstoff sparen. Dieser Aspekt beträfe Autofahrende persönlich. Ein niedrigerer Verbrauch bedeutet aber auch niedrigeren Schadstoffausstoß, ein Punkt, der uns alle angeht.
Das Umweltbundesamt unterstellt eine maximale Einsparung beim Schadstoffausstoß von bis zu 5,4 Millionen Tonnen pro Jahr. Auf die einzelnen Abstufungen einer Geschwindigkeitsbegrenzung umgelegt, ergeben sich folgende Zahlen des UBA:
- Limit 100 km/h: Einsparung 5,4 Mio Tonnen
- Limit 120 km/h: Einsparung 2,6 Mio Tonnen
- Limit 130 km/h: Einsparung 1,9 Mio Tonnen
Etwas schwieriger wird die allgemeine Betrachtung hinsichtlich der Verkehrssicherheit. Dazu wurde diese ADAC-Tabelle im April 2024 veröffentlicht:
| Land | Generelles Pkw-Tempolimit auf Autobahnen | Autobahn |
|---|---|---|
| Deutschland | kein generelles Tempolimit | 1,44 Tote / 1 Mrd. Fahrzeugkilometer |
| Frankreich | 130 km/h | 1,61 Tote / 1 Mrd. Fahrzeugkilometer |
| Niederlande | 6 – 19 Uhr: 100, sonst 130 km/h | 0,9 Tote / 1 Mrd. Fahrzeugkilometer |
| Österreich | 130 km/h | 1,26 Tote / 1 Mrd. Fahrzeugkilometer |
| Schweiz | 120 km/h | 0,63 Tote / 1 Mrd. Fahrzeugkilometer |
| Tschechien | 130 km/h | 1,69 Tote / 1 Mrd. Fahrzeugkilometer |
| USA | 88 – 136 km/h | 4,33 Tote / 1 Mrd. Fahrzeugkilometer |
Deutschland nimmt genau den mittleren Platz ein. Unstrittig ist jedoch, dass gezielte Geschwindigkeitsbegrenzungen an besonders unfallintensiven Streckenabschnitten die Zahl der Verkehrstoten deutlich gemindert hat, siehe beispielsweise die A 24 zwischen Wittstock/Dosse und Havelland. Die Zahl der Unfälle sank von 654 Unfällen in drei Jahren ohne Limit auf 337 Unfälle in drei Jahren nach Einführung von 130 km/h (Quelle: Spiegel).Keine Geschwindigkeitsbegrenzung auch künftig lukrativ für den StaatStand 2025 beträgt die Mineralölsteuer auf den Liter Benzin 65,45 Cent pro Liter, auf Diesel 47,04 Cent. Der Bund hat im Jahr 2023 rund 36,7 Milliarden Euro an Energiesteuern eingenommen. Laut einem Bericht der “Zeit” würde ein Tempolimit bis zu vier Prozent Treibstoff einsparen, heißt aber auch, den Staat vier Prozent an Steuereinnahmen, 1,5 Milliarden Euro, kosten. Da ist es mit der ungeliebten freien Fahrt wie mit dem Rauchen: Eigentlich sollte es staatlich eingeschränkt werden, andererseits zahlt es aber auch so schön an Steuern ein.