Gender Gap in Europa

Vergleich des Gender Gap Indexes in Europa.

Nach wie vor gibt es nicht nur Europa, sondern auch weltweit keine absolute geschlechtergerechte Gleichstellung. Zwar gab es in den letzten Jahrzehnten in weiten Teilen Europas eine langsame Angleichung, ein Gap, eine Lücke, ist aber geblieben. Mit Blick auf die Auswertung des Indexes wird deutlich, dass der Gender Gap in der Türkei, Ungarn und Tschechien am größten ist, während die Lücke in den skandinavischen Ländern am geringsten ausfällt. Welche Faktoren spielen für das Auseinanderdriften oder im Umkehrschluss die langsame Angleichung eine Rolle?

Die Pille hat alles verändert

Was auf den ersten Blick absurd aussieht, wurde wissenschaftlich nachgewiesen. Die Erfindung der Anti-Baby-Pille hat dazu geführt, dass Frauen beispielsweise bei der Berufsausbildung und späteren Karriereplanung nicht mehr auf der potenziellen Zeitbombe einer Schwangerschaft saßen, sondern auch Studiengänge mit einer längeren Ausbildungsdauer wählen konnten (Quelle: Goldin, Claudia; Katz, Lawrence F. (2002). „Die Macht der Pille: Verhütungsmittel und Karriere- und Heiratsentscheidungen von Frauen“. Zeitschrift für Politische Ökonomie . 110 (4)). 

Bildung und Beruf

Im Jahr 1965 waren in den USA gerade einmal fünf Prozent der Studierenden weiblich. Im Jahr 1985 betrug der Anteil der Studentinnen im Fachgebiet Jura bereits 35 Prozent, im medizinischen Sektor 40 Prozent (Quelle: Goldin, Claudia und Lawrence F. Katz. „On The Pill: Den Kurs der Frauenbildung ändern“. The Milken Institute Review , Zweites Quartal 2001: S. 3).

Interessanterweise übersteigt die Zahl der Studentinnen in Deutschland im Jahr 2024 die Anzahl männlicher Studierender. Studentinnen machten 50,92 Prozent der Studierenden aus, der Prozentsatz der Studenten lag bei 49,08 Prozent (Quelle: hsi-monitor / destatis). Allerdings gibt es je nach Fachrichtung durchaus Unterschiede. In den sogenannten MINT-Fächern geht das Delta besonders weit auseinander. In Deutschland lag der Anteil der Frauen im Jahr 2024 bei nur 32 Prozent (Quelle: Statista). 

Gender Pay Gap

Das veränderte Ausbildungsverhalten führt natürlich auch zu Verschiebungen in der Arbeitswelt. Allerdings sind diese Verschiebungen in der Praxis nach wie vor eher Makulatur. Der Gender Pay Gap bleibt ein großes Thema. Dass Care-Arbeit überwiegend von Frauen geleistet wird, trägt einen wesentlichen Anteil dazu bei. Care-Arbeit umfasst unbezahlte und bezahlte Sorge- und Pflegetätigkeiten, von der Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen bis hin zu professionellen Tätigkeiten wie etwa von Erzieher:innen oder Altenpfleger:innen.

Da familiäre Care-Arbeit deutlich häufiger von Frauen übernommen wird, nehmen Frauen z.B. häufiger und länger Elternzeit, arbeiten eher in Teilzeit — mit spürbaren Nachteilen für ihre berufliche Entwicklung. Dieser Effekt ist besonders in Ländern mit engeren familiären Strukturen ausgeprägt (z. B. Süd- und Südosteuropa), als in Ländern mit weniger starken familiären Banden. Während in Italien nur 1,3 Prozent der über 65-Jährigen in einem Heim lebten und 98,7 Prozent zu Hause überwiegend von weiblichen Familienmitgliedern betreut wurden (Quelle: thomas-daily), waren es in Deutschland 14 Prozent (Quelle: altenpflege-online). Ein leichterer Zugang zu z.B. institutioneller Kinderbetreuung erleichtert hingegen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und wirkt sich positiv auf die Erwerbstätigkeit von Frauen aus.

Zudem zählen Berufe, die mit Care-Arbeit verbunden sind, häufig zu den schlecht bezahlten Tätigkeiten und  gleichzeitig werden genau diese Berufe überproportional oft von Frauen ausgeübt, was die geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede weiter verstärkt.

Frauen in der Politik

Das Gender Gap in der Politik hat die gleichen Ursachen, wie das Gender Gap in vielen Berufszweigen – Politik war lange Zeit eine Männerdomäne und ist auch heute traditionell männlich geprägt. Allerdings kommt für Politikerinnen noch die öffentliche Diskriminierung dazu. Der Name “Flinten-Uschi” und die Frage, ob Panzer rosa gestrichen werden, begleiteten Ursula von der Leyen während ihrer Zeit als Verteidigungsministerin. Wer sich hinter “Mutti” verbarg, ist hierzulande noch auf Generationen hinaus bekannt. Margret Thatcher, einst Premier von Großbritannien, trug den Beinamen “eiserne Lady”. Es ist fraglich, ob ein männlicher Premier, der ihre Politik eins zu eins übernommen hätte, als “eiserner Sir” bezeichnet worden wäre, oder ob das als normal empfunden worden wäre. Die ehemalige Co-Vorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, wurde von politischen Gegnern inhaltlich überhaupt nicht wahrgenommen, sondern nur aufgrund ihres Aussehens diskriminiert.

Fazit

Fortschritte bei der Gleichstellung sind zwar sichtbar, fallen aber oft klein und ungleich verteilt aus. Die Ursachen sind nach wie vor ähnlich: Frauen übernehmen einen Großteil der Care-Arbeit, arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Berufen und stoßen auf traditionelle Rollenbilder in Beruf und Politik. Auch wenn es regionale Unterschiede und positive Entwicklungen gibt, bleibt noch viel zu tun. Echte Gleichstellung wird nur erreicht, wenn gesellschaftliches Umdenken, politische Maßnahmen und Investitionen in die Care-Infrastruktur Hand in Hand gehen.

 

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