Die Grafik zu den regional aufgeschlüsselten jährlichen Arbeitszeiten in Deutschland wirft durchaus Fragen auf, die nur schwer zu beantworten sind. Während die Verteilung in weiten Teilen Deutschlands fast gleichwertig ausfällt – Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg nehmen sich nichts, Gleiches gilt für Hessen und Rheinland-Pfalz – sieht es in anderen Teilen der Republik deutlich anders aus.
Nordfriesland – alles andere als entspannt
Nordfriesland ist bei den Arbeitszeiten der absolute Spitzenreiter. Es können, müssen aber nicht, zwei Gründe dafür sprechen. Zum einen ist der Dienstleistungssektor, speziell der Tourismus, ein wichtiges Standbein der nordfriesischen Wirtschaft. Arbeitszeitregelungen hin oder her – Überstunden sind in dieser Branche an der Tagesordnung. Zum anderen gilt Nordfriesland als ausgewiesener Standort für alternative Energien. Dieses Marktsegment mag immer noch recht jung sein und das eine oder andere Start-up-Unternehmen hervorbringen. Und Start-up ist nichts anderes als ein Synonym für unbezahlte Überstunden und Tischfußball im Aufenthaltsraum.
Die Arbeitszeiten in Jena werfen ebenfalls Fragen auf
Für die Arbeitnehmenden in Jena mag es ja sehr schön sein, dass sie die geringsten Arbeitsstunden in Deutschland haben – wenn sie denn in dieser Zeit ihre Arbeit auch erledigt bekommen. Werfen wir einen Blick auf den Standort Jena: Jena verfügt über zwei renommierte Universitäten, Firmen wie Schott oder Carl Zeiss wurden hier gegründet, und im Jahr 2022 wurden in der Stadt pro 100.000 Einwohner 261 Patente angemeldet. In Deutschland waren es im Mittel 45 an der Zahl.
Jena bietet aber noch mehr spannende Daten zum Arbeitsmarkt. Die Quote der hochqualifizierten Erwerbstätigen beträgt 35,6 Prozent (Hochschulabschluss) gegenüber dem bundesdeutschen Großstadtdurchschnitt von 18 Prozent.
In der Forschung sind 4.500 Personen tätig, einschließlich der medizinischen Bereiche (alle Daten zu Jena von der dortigen Wirtschaftsförderung). Forschung, Patente – das sind eigentlich Ursachen für überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten.
Zeiss ist mit 3.000 Beschäftigten in Jena einer der größten Arbeitgeber vor Ort. Und was passiert, wenn ein solcher Arbeitgeber die wöchentliche Regelarbeitszeit auf 35 Stunden reduziert? Er senkt den Durchschnitt für die gesamte Stadt. Das kann durchaus zur Folge haben, dass andere Unternehmen, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben – Stichwort Fachkräftemangel – nachziehen. Jenoptik beispielsweise hatte im Februar 2025 noch die 38-Stunden-Woche, zielt aber auch auf eine 35-Stunden-Woche ab. Schott hatte sich im Jahr 2024 ebenfalls von der 40-Stunden-Woche verabschiedet und die wöchentliche Arbeitszeit auf 38,5 Stunden reduziert.
Überstunden bei Banker*innen rückläufig?
Werfen wir noch einen Blick auf die Mainmetropole Frankfurt, deren Innenstadt von den Hochhäusern der Banken geprägt ist. Wer sich ein wenig in der Bankenszene auskennt, weiß, dass Überstunden für das Gros der 70.000 Mitarbeitenden an der Tagesordnung waren. Das betraf die Filialen genauso wie Produktmanager*innen oder das Marketing. Die Häuser waren in den Abendstunden zwar nicht mehr hell erleuchtet, aber auch bei weitem nicht unbesetzt. Die wöchentliche Arbeitszeit liegt zwar deutlich über der in Jena, reicht aber bei weitem nicht an Nordfriesland heran. Da die Zahl der Bankmitarbeitenden in Frankfurt laut Schätzung noch ansteigen wird, kann die offensichtlich gesunkene Zahl an Überstunden nicht auf den Personalabbau im Filialnetz zurückzuführen sein (Quelle: fondsprofessionell.de).
Wie es zu der merkwürdigen Verteilung kommt, lässt sich letztendlich nicht verifizieren. Die Gründe dafür können nur aus dem regionalen Arbeitsumfeld abgeleitet werden. Der farbliche Ausreißer auf unserer Karte in Rheinland-Pfalz wird auf die BASF in Ludwigshafen und die Metropolregion Rhein-Neckar zurückzuführen sein.